Lauschen & Lauern
2019

Installation, Performance
2019
Maximiliansforum München
Vernissage mit Präsentation der edition "field notes from the wild" im Gespräch mit Laura Sánchez Serrano
 
Installationsansicht, Maximiliansforum München, 2019 Foto: ©Barbara_Hartmann

Die Übereinstimmung von Ort und Ausstellung könnte nicht passender sein: Ein Kunstprojekt, das das Spannungsfeld von „Wildnis und Zivilisation“ befragt, wird an der Stelle in München gezeigt, die wie keine andere im Spannungsfeld von „Unort“ und „Edelmeile“ liegt. Die Unterführung Maximilianstraße–Altstadtring mit dem MaximiliansForum ist ein wahrlich wilder Ort im Großstadtdschungel – ausgerechnet unter der Straße, wo sich die Zivilisation von ihrer dekadentesten Seite zeigt. (...) In Judith Eggers Installation „Lauschen & Lauern“ setzt sich das Unbehagen der unwirtlichen Untergrundpassage in einem befremdlichen Setting fort. Durch die spiegelnden Scheiben der zweigeteilten städtischen Schauräume blickt man in eine kulissenartige Inszenierung: Blattwerk, Rinde und Holzstämme deuten in der düsteren Betonbox einen Wald an. Ein Hochstand aus Brettern suggeriert das Lauern auf eine Reihe skurriler Geschehnisse, die auf improvisierten Videodisplays zu sehen sind: Da stolpert ein strohartiges Wesen durch den winterlichen Wald und tappst schließlich durch die Straßen Münchens, wo es sich im rauchenden Verkehr zurechtzufinden sucht. Ein Wilder in der Zivilisation? (...)

Erika Wäcker-Babnik im Münchner Feuilleton am 8. Februar 2020

Video documentation by Maria Rilz, 2020

Lauschen & Lauern ist Teil II einer Projektreihe der Künstlerin Judith Egger, in der sie sich in das Spannungsfeld zwischen „Wildnis und Zivilisation“ begibt. Mit der Aufklärung hat die westliche Welt das mythische Denken verbannt, und sich eine rationalistische und selbstzentrierte Sicht auf die Natur angeeignet. Mittlerweile aber stellen uns die ökologischen und sozialen Herausforderungenvor die Frage, ob unsere Art der Wahrnehmung von Welt deren Komplexität tatsächlich gerecht wird. Je mehr wir uns durch zivilisatorische Errungenschaften abgesichert fühlen und die gegebenen hohen Standards schätzen, umso stärker wird ein Gefühl von Entfremdung. Zugleich entsteht dabei das
Bedürfnis nach einer neuen Verbundenheit mit dem Unkontrollierbaren, Anderen, Vagen, Unbekannten und Unbestimmbaren, und damit einer lebendigen, gesamtheitlichen Wahrnehmung des Existentiellen.

 

Judith Egger nutzt die Kunst als Testfeld, um sich diesen entgrenzten Erfahrungen anzunähern. „Wildnis“ definiert sie dabei auch als die Wildnis in uns: Die nicht messbaren Aspekte des Menschsein wie Instinkte und Intuition aber auchabgründige innere Welten. In vielen ihrer Projekte, setzt sie sich intensiv mit naturwissenschaftlichen Sichtweisen auseinander, verknüpft diese mit ihren künstlerischen Ansätzen und kollaboriert mit Wissenschaftler*innen und Theoretiker*innen ebenso wie mit Künstler*innen anderer Sparten. In ihrem Projekt „Lauschen & Lauern“ begibt sie sich, ausgestattet mit künstlerischen Instrumenten, in Situationen zwischen Beobachtung, Ausloten und Selbsterfahrung.

 

Text von Diana Ebster, Kuratorin

Es trifft es warscheinlich, Judith Egger einen Expeditionsmenschen zu nennen, der mutig losläuft, ohne den ausgang einer Unternehmung zu kennen.

Jutta Czegun, aus dem Artikel „Das Wilde in uns“ Süddeutsche Zeitung December 2019

"Es ist dieses unerforschte Wesen, dem ich versuche, nahezukommen" sagt Judith Egger z ihrer aktuellen Schau "Lauschen & Lauern". Seit Jahren betreibt die Münchner Künstlerin Feld- und Tiefseelenforschung, um auf etwas zu stoßen, das viele Namen hat: Das Unkontrollierbare, Unkalkulierbare, Unbekannte, Unbeherrschte. Judith Egger nennt es "Wildnis", in vollem, lustbvollen Bewusstsein, dasß der Begriff hoch aufgeladen ist. Im Mittelalter war die Wildnis der Ort des Bösen, für die Kulturphilosophen der Aufklärung hingegen die Gegenwelt zum kulturellen, zivilisatorischen Korsett, die Utopie einer ursprünlichen, vollkommenen Ordnung. Für Judith Egger ist dieses Wilde weder zu verdammen noch zu idealisieren: "Es sind Anteile, die jeder von uns hat, aber wegdrückt, weil sie vielleicht unangenehm erscheinen. Damit beschneiden wir uns in unserer eigenen Lebendigkeit."

Zitat aus "Das Wilde in uns" vonJutta Czeguhn, Süddeutsche Zeitung 2019
Ausgestellte Werke in der Ausstellung
Begleitprogramm
Andreas Weber und Judith Egger im Gespräch, 2020

WIR SIND ALLE WILDE (Andreas Weber)
Die Künstlerin Judith Egger hat sich in ihrer Arbeit unter anderem intensiv mit den Thesen von Andreas Weber auseinandergesetzt. Im Rahmen ihres Ausstellungsprojekts "Lauschen & Lauern" hat sie ihn zu einem Impulsvortrag und einem Kunstgespräch eingeladen. In his lecture, Andreas Weber spricht über seine aktuellen Veröffentlichungen, das 2018 erschienene Buch „Indigenialität“ und „Enlivenment. A Poetics for the Anthropocene“, das 2019 folgte. Darin plädiert er dafür, die mechanistische Interpretation von Lebensphänomenen zu überwinden, und distanziert sich sowohl vom reduktionistischen Populärdarwinismus als auch vom Konzept des „intelligenten Designs“.
Darauf folgt ein Kunstgespräch mit Judith Egger und Andreas Weber, moderiert von Rasmus Kleine (Kallmann-Museum Ismaning) und Diana Ebster (Kulturreferat/MaximiliansForum).

Performance Yocatl/Tier, Tania Rubio und Gilberto Ramirez, 2020

Yolcatl/Tier (Tania Rubio)

In den letzten fünf Jahren hat sich die mexikanische Komponistin und Künstlerin Tania Rubio in ihrer künstlerischen Forschung auf Naturfeldaufnahmen in Lateinamerika, das Thema Klanglandschaftskomposition und die akustischen Systeme präkolumbianischer Musik konzentriert. Auf Einladung von Judith Egger hat Tania Rubio die Klangperformance „Yolcatl/Animal“ entwickelt, die einen Ausschnitt aus diesem umfangreichen Forschungsprojekt darstellt. Zusammen mit Gilberto Ramirez wird Tania Rubio ihre Klangperformance in der Ausstellungsinstallation von „Lauschen & Lauern“ aufführen.
 Die Performance nähert sich diesen Themen in drei aufeinanderfolgenden Stücken: „Biotopes”, „Chorus of Dawn” und „Yolcatl”. In ihrer Klangperformance lädt Tania Rubio das Publikum ein, verschiedene akustische Welten zu erleben, die von der Wildheit noch unberührter Ökosysteme über stark verschmutzte Lebensräume bis hin zu Visionen von Welten reichen, in denen Menschen, andere Spezies und Maschinen in einer neuen Form der Koexistenz zusammenleben.

Ausstellungen

2019
Maximiliansforum
kuratiert von Diana Ebster
Installation, Performance
München
06.12.2019 bis 11.02.2020

Presse

2020
Wildnis, Wald und wir

Erika Wäcker-Babnik

Münchner Feuilleton
Titel
Wildnis, Wald und wir
Art
Presse
Autor:innen

Erika Wäcker-Babnik

Erschienen
08-02-2020
Verlag
Münchner Feuilleton

Judith Egger: Wildnis, Wald und wir

Die Münchnerin Judith Egger untersucht, ob und wie sich in der Zivilisation Verbindungen des Menschen zum Unkontrollierbaren und Unbestimmbaren aufnehmen lassen.

Die Übereinstimmung von Ort und Ausstellung könnte nicht passender sein: Ein Kunstprojekt, das das Spannungsfeld von »Wildnis und Zivilisation« befragt, wird an der Stelle in München gezeigt, die wie keine andere im Spannungsfeld von »Unort« und »Edelmeile« liegt. Die Unterführung Maximilianstraße–Altstadtring mit dem MaximiliansForum ist ein wahrlich wilder Ort im Großstadtdschungel – ausgerechnet unter der Straße, wo sich die Zivilisation von ihrer dekadentesten Seite zeigt. Noch immer wuchert dort halbtotes Grün auf den ehemals bepflanzten Rolltreppen. In Judith Eggers Installation »Lauschen & Lauern« setzt sich das Unbehagen der unwirtlichen Untergrundpassage in einem befremdlichen Setting fort. Durch die spiegelnden Scheiben der zweigeteilten städtischen Schauräume blickt man in eine kulissenartige Inszenierung: Blattwerk, Rinde und Holzstämme deuten in der düsteren Betonbox einen Wald an. Ein Hochstand aus Brettern suggeriert das Lauern auf eine Reihe skurriler Geschehnisse, die auf improvisierten Videodisplays zu sehen sind: Da stolpert ein strohartiges Wesen durch den winterlichen Wald und tappst schließlich durch die Straßen Münchens, wo es sich im rauchenden Verkehr zurechtzufinden sucht. Ein Wilder in der Zivilisation?


In einem anderen Video, »Transmission Wood«, wandert eine Gestalt – bei allen filmischen Figuren ist es immer die Künstlerin selbst – durch das nächtliche Paris. Ihre Mission ist es, mit den letzten Zeugen der »Wildnis« in der Stadt, den Bäumen, Kontakt aufzunehmen. Dazu hat sie sich ein antennenartiges Gebilde aus Ästen umgeschnallt, mit dem sie die wenigen pflanzlichen Relikte am Straßenrand aufspürt und kontaktiert. In »Transmission Waves« wiederum sitzt die Künstlerin in den Wellen und spürt mit langen Angeln, die tentakelartig aus ihrem Kopf wachsen und an denen Mikrofone hängen, den Tönen des Meeres nach.
Der Lauschangriff auf die Stimmen der »Wildnis« – das Knistern der Bäume und das Rauschen der Wellen – werden in die Passage übertragen und mischen sich mit den Tönen der Zivilisation: dem dumpfen Verkehrslärm, der von der Kreuzung in die Unterführung dringt. Für die Botschaft, die sie mit den ziemlich schräg anmutenden performativen Aktionen transportieren möchte, greift Judith Egger (*1973) wissenschaftliche und philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Natur und Kultur, von »Wildnis und Zivilisation« auf. Schon lange beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Ergründen unerforschter naturhafter Phänomene. Aus einer Familie von Wissenschaftlern stammend liegt ihr das Prozesshafte und Experimentelle wie auch das Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst.
So befasste sie sich für ihr aktuelles Projekt mit den Theorien des Philosophen Andreas Weber, bei dem sie »die ideelle Trennung von Mensch und Umwelt, Kultur und Natur als Keim einer tiefgreifenden Entfremdung« formuliert findet. Webers Essay »Indigenialität« wurde im Rahmen der Ausstellung präsentiert und diskutiert. »Indigenialiät heißt, sich als aktiven Teil eines sinnvollen Ganzen zu verstehen und so zu handeln, dass die eigene Lebensqualität die des Ganzen steigert«, so Weber. Haben wir uns nicht schon längst von der Natur entfremdet? Wie viel Wildes ist in uns noch vorhanden? Ist uns bewusst, welche Anteile des Instinkthaften, Unergründlichen durch die Zivilisierung in uns verloren gegangen ist? Wie finden wir zu einer lebendigen, gesamtheitlichen Wahrnehmung des Existentiellen zurück? Mit ihrem Projekt »Lauschen & Lauern« schickt Judith Egger sich und die Ausstellungsbesucher auf die Pirsch. ||

 

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2019
Das Wilde in uns

Jutta Czeguhn

Süddeutsche Zeitung
Titel
Das Wilde in uns
Art
Presse
Autor:innen

Jutta Czeguhn

Erschienen
06-12-2019
Verlag
Süddeutsche Zeitung
2019
BR5 Kultur

Tobias Stosiek

Bayerischer Rundfunk
Titel
BR5 Kultur
Art
Presse
Autor:innen

Tobias Stosiek

Erschienen
06-12-2019
Verlag
Bayerischer Rundfunk

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