Shelter
2019

Installation
2019
Shelter
Erlöserkirche München
Unterschlupf für das wilde unerforschte Wesen
Installationsansicht, Erlöserkirche,2019

Ein aus Naturmaterialien erbauter Unterschlupf in der Apsis der Erlöserkirche in München. Die Installation findet im März und April statt. Unter anderem werden frisch geschnittene Zweige verwendet, die im Lauf der Tage - auf Ostern zu - Blätter treiben. Die Konstruktion ist wie ein von Kindern im Wald errichtetes Lager oder ein von einem Tier gebautes Nest. Sie wirkt fremd aber nicht unbedingt störend. Vielleicht erinnert sie an ein Schwalbennest, das von der friedlichen Koexistenz von Mensch und Natur zeugt. Vom Kirchenschiff aus kann man den Eingang in den
Unterschlupf gut erkennen. Menschen, die in die Kirche kommen und auf die Installation stoßen, mögen sich folgende Fragen stellen: Wer oder was sucht Unterschlupf? Ist es Zufall, dass dies in einer Kirche geschieht - einem Raum der über Jahrhunderte hinweg Menschen Asyl und Schutz gewährte?

Installationsansicht, Shelter, 2019

Einher mit der Trennung von der Natur geht ein unstillbarer Schmerz, der in übertriebenem Konsum, Entfremdung, Wettbewerb und Depression seinen Ausdruck findet.

Zitat von Andreas Weber aus seinem Buch "Sein und Fühlen"

Shelter – einige Äste, etwas Reisig, ein bisschen Moos, alles Naturmaterialien – Shelter – Zuflucht, Schutz, Unterschlupf bis hin zu Asyl – Shelter, so heißt die Arbeit von Judith Egger, die wir augenblicklich hier in der Erlöserkirche zeigen. Fast wie ein Nest. Ein Zufluchtsort, etwas wo ich mich geborgen fühlen kann. Wo ich zuhause bin. Wo ich Schutz und Geborgenheit erlebe und erfahre. Wo ist unser Nest? Wo ist für uns Trost und Geborgenheit? Wohin wenden wir uns hin, wenn wir Beistand und Begleitung suchen? Wo ist unsere Zuflucht? Wenn wir nicht mehr weiterwissen, wenn wir Schutz suchen, dann ist es für den religiösen Menschen doch Gott, an den man sich wendet – oder?

Aus der Predigt von Pfarrer Gerson Raabe, 24.02.2019
Installationsansicht, Detail, Erlöserkirche 2019

Unsere Lebensweise basiert in vielen Bereichen auf Trennung. Die Trennung bedeuted aber auch Trennung von einer nährenden und schützenden Gemeinschaft (Menschen, Pflanzen und Tiere) die friedlich verbunden koexistieren.

Zitat von Andreas Weber aus seinem Buch "Sein und Fühlen"
Skizze zur Installation, 2018
Installationsansicht aus der Apsis, Erlöserkirche 2019

Ist da nicht jemand, der für uns da ist, im Verborgenen? Der uns mit Ästen und Reisig und ein wenig Moos eine Hütte baut? Ist da nicht Heimat im Nichts? Ist da nicht Sinn? Ist Gott nicht in den Herzen? Als ich mir plötzlich gewiss war? Als ich ihn spürte? Als er mir nahe war und ich ahnte, dass er da ist, irgendwie da ist. Gibt es das, jene Ahnung? Und kann mir diese Ahnung nicht zur Gewissheit werden? (...) Es findet in meiner Privatsphäre statt. Tief in meinem Inneren, da ist Platz für diesen Gott. Man könnte auch sagen: Gott-Shelter in der Intimsphäre. Es ergreift mich beim Hören von Musik, in einem Konzert, beim Lesen eines Buches. Und plötzlich weiß ich ganz genau: „Jetzt hat es, jetzt hat er mich ergriffen!“  - „Jetzt ist etwas mit mir geschehen.“ Religion haben heißt Antennen für das Andere haben. Ein Sensorium für Jenseitiges. Das ist kein Jenseitsgedusel, das ist der gefasste Realismus, der ahnt oder sich dessen gewiss ist oder fühlt: Da ist anderes als ich mir mit meinen sechs Sinnen so zurechtlegen kann. Da ist mehr, als ich so wahrnehme und sehe und höre und und was weiß ich alles. Da ist etwas, was mich erfüllt, was mir Sinn gibt, was mich gewiss werden lässt.

Aus der Predigt von Pfarrer Gerson Raabe, 24.02.2019
Innenansicht der Installation, 2019

Das „wilde unerforschte Wesen“ ist aus einer intensiven Auseinandersetzung mit meinem Verhältnis zur Wildnis in mir, zur Natur und meinen Wurzeln entstanden. Die Arbeit stellt dieses Verhältnis infrage und untersucht es auf verschiedenen Ebenen.
Inwieweit bin ich und sind wir in Kontakt mit unserer Natur und der Natur an sich? Diese Verbindung ist der unmittelbare Kontakt zu allem was uns umgibt – sei es zur Natur aber auch zur Gemeinschaft aller Menschen. Daher ist der Kirchenraum ein sehr passender und auch immer wieder beanspruchten Raum für Schutzsuchende.

Text zur Installaton von Judith Egger
Installationsansicht von innen und von aussen, 2019

Ausstellungen

2019
Erlöserkirche
kuratiert von Werner Mally
Installation
München
24.02 bis 11.04.2019

Texte

2019
Der alte und der neue Gott

Pfarrer Gerson Raabe

Titel
Der alte und der neue Gott
Art
Text
Herausgeber:in
Erlöserkirche München Schwabing
Autor:innen

Pfarrer Gerson Raabe

Erschienen
24-02-2019

„Du bist unser Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Welt geschaffen wurde, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Berühmte Worte. Worte, mit denen der Psalm 90 eröffnet wird. Seit Tausenden von Jahren ist das das Bekenntnis zahlreicher Menschen gewesen: „Du bist unsere Zuflucht für und für.“ Viele Menschen haben in den unterschiedlichsten Situationen und Momenten
Zuflucht bei ihrem Gott gefunden. Dann, wenn sie nicht mehr weiter wussten, dann haben sie ihre Zuflucht zu Gott gesucht. Dann, wenn es zu gefährlich wurde, wenn sie sich bedroht und bedrängt fühlten, dann haben sie sich zu Gott geflüchtet. Dann, wenn sie einsam und ohne Rat waren, dann haben sie bei Gott einen Verbündeten gesucht, dann haben sie bei Gott Rat gesucht.
Er war ihnen eine vertraute Zufluchtstätte. War ihnen Anker in der Not, Hoffnung in der Verzweiflung. Zu ihm sind sie gekommen, Jung und Alt,
Reich und Arm. An ihn haben sie sich gewandt, haben nach ihm gerufen, ihn um Beistand und Begleitung gebeten. Er war ihnen Hilfe und Trost,
Geborgenheit und Schutz, ist mit ihnen gegangen, hat sie begleitet, war um sie und hat sie behütet und bewahrt, aufgerichtet und gestärkt.
Shelter – einige Äste, etwas Reißig, ein bisschen Moos, alles Naturmaterialien – Shelter – Zuflucht, Schutz, Unterschlupf bis hin zu Asyl –
Shelter, so heißt die Arbeit von Judith Egger, die wir augenblicklich hier in der Erlöserkirche zeigen. Fast wie ein Nest. Ein Zufluchtsort, etwas wo ich mich geborgen fühlen kann. Wo ich zuhause bin. Wo ich Schutz und Geborgenheit erlebe und erfahre.
Wo ist unser Nest? Wo ist für uns Trost und Geborgenheit? Wohin wenden wir uns hin, wenn wir Beistand und Begleitung suchen? Wo ist unsere
Zuflucht? Wenn wir nicht mehr weiterwissen, wenn wir Schutz suchen, dann ist es für den religiösen Menschen doch Gott, an den man sich wendet – oder? „Zuflucht ist bei dem alten Gott“, so steht es im Alten Testament. Und so bezeugt es der Psalmist: „Gott ist meine Zuflucht“, „Lass mich Zuflucht haben unter deinen Fittichen“, „Zu dir habe ich Zuflucht“. Und der Prophet bekennt, dass „der Herr die Zuflucht ist in der Not.“ Das waren die Erfahrungen etwa eines Davids, eines Jeremia, eines Jona und eines Daniel, das Gott ihre Zuflucht war in der Not. Eine Hilfe in schwierigen Zeiten und Schutz und Trost in Gefahr.
Zwar war Gott immer auch der Heilige. Gott hatte etwas Unnahbares. Als Mose verlangte, Gott zu sehen, sagte Gott zu Mose: „Ich werde an dir
vorübergehen und damit dich meine Heiligkeit nicht verzehrt, werde ich dich in eine Felsspalte stellen und meine Hand über dich legen.“ Und er ging vorüber und legte die Hand über ihn, um ihn vor seiner Heiligkeit zu schützen. Und Mose hat hinter ihm hergesehen, dem vorbeiziehenden Gott. Mose hatte das Nachsehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber er war auch der Verlässliche, derjenige, mit dem zu rechnen war. Der
es gut mit den Menschen meinte und der sich erwies, in der Auseinandersetzung und im Streit. Er war der, der einen Menschen
beschützte, der die Hand über einem hielt, damit ihn die Sonne des Tags nicht stach noch der Mond des Nachts. Der „alte“ Gott, bei dem war noch Zuflucht.
Der „alte Gott“ ist nicht mehr. Er hat sich verflüchtigt, hat sich verabschiedet. Spätestens seit dem letzten Jahrhundert. Unter anderem die beiden Kriege waren einfach zu viel für ihn, sie haben auch ihm ihre Wunden geschlagen. Er kommt mit unseren langen Listen von Toten und Verwundeten nicht mehr mit. Nichts mehr ist so wie es gewesen ist. Der erste Weltkrieg mit seinen Tausenden von Toten, in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern. Da kommt Gott nicht mehr vor. Das Theaterstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert bringt dies auf den Begriff. Gott ist ein alter Mann, ein Märchenbuchliebergott, dem die Welt entglitten ist. Borchert fragt Gott: „Wann warst du lieb, lieber Gott?“
„Warst du lieb, als du meinen Sohn, meinen dreijährigen Sohn von einer Bombe zerreißen ließt?“ „Tintenblütige Theologen haben dich gemacht,
Gott.“ „Du bist unmodern, Gott.“ „Du kommst mit unseren langen Listen von Toten und Verwundeten nicht mehr mit, Gott.“
Der zweite Weltkrieg mit der Vernichtung der Juden. In den Gaskammern wurden Millionen von Menschen getötet. Gar nicht vorzustellen, was für ein Elend, was für ein Leid über die Menschheit gekommen ist. Ist der „alte Gott“ mit dem Rauch durch den Kamin davon geweht? – wie ein jüdischer Schriftsteller einmal gefragt hat. Ist Gott in den Gaskammern und den Krematorien der Nazis ausgemerzt worden?
Mittlerweile gehören Kriege weltweit zu den schrecklichen, täglichen Nachrichten. Ob in Syrien oder in Afghanistan: Es wird grausam gestorben
auf der ganzen Welt. In unzähligen Konflikten und Kriegen. Es ist kein Ort mehr, der an Gott erinnert. Gottesferne auf der ganzen Welt. Hat Gott sich still und leise davongemacht? Ist ihm das Treiben der Menschen zu bunt geworden? Hat die Nacht der Sinnlosigkeit ihn vertrieben?
Gott ist unmodern geworden. Die Wissenschaften haben Gott verdrängt. Brauchten wir ihn früher noch, weil die Welt für uns sonst nicht erklärbar war, so hat sich das weitgehend erübrigt. Gott ist vom Nischengott zum Nichtmehr- Gott mutiert. Benötigten wir Gott früher noch, um einige unerklärliche Nischen zu stopfen, so brauchen wir dich nicht mehr, Gott, du bist uns keine Erklärung mehr schuldig, wir kommen ganz gut ohne dich zurecht. Jetzt haben wir verstanden, wie die Dinge zusammenhängen und zusammenwirken.
Die Entstehung der Welt ist mit dem Urknall wunderbar zu deuten. Die Entstehung des Lebens können wir minutiös nachzeichnen. Dazu brauchen wir keinen Gott. Die moderne Chemie oder die moderne Biologie haben dich erledigt, Gott. Sie können uns wunderbar erklären, was bis vor 100 Jahren noch ein Rätsel war. Jetzt wissen wir, wie das funktioniert. Jetzt ist alles klar, Gott, du kannst dich auf dein Altenteil zurückziehen. Und die Religion: Du wirst es kaum glauben, aber auch in der Religion kommen wir ganz gut ohne dich aus. Der Rachegott von damals hat sich ohnehin schon lange erledigt. „Gott kämpft für sein Volk“, was für ein absurder Gedanke. Heute kämpft jedes Volk für sich. Kanonen segnen, das war ohnehin an Blödsinn nicht mehr zu überbieten. Du bist unmodern geworden, Gott, du hast nichts mehr zu melden.
Gott ist nicht mehr salonfähig: Heute brauchen wir einen anderen. Heute brauchen wir einen, der flexibel ist. Heute brauchen wir einen, der sich nicht festlegt, der offen ist für alles. Heute brauchen wir einen, der nicht so wahnsinnig starr ist, der mal so und mal so ist. Heute brauchen wir einen, der mal dem einen und mal dem anderen Recht gibt. Oder brauchen wir eigentlich überhaupt noch einen, der einem Recht gibt? Gott, du bist schrecklich unattraktiv geworden. Wir können ganz gut auf dich verzichten. Doch war’s das tatsächlich? Soll das alles gewesen sein? Ist da nicht ein neuer Gott? Der, an den Jesus sich gewandt hat, der Gott, den Jesus aufgesucht hat, wie hinter einem Schleier verborgen? Wie in einem Nebel. Wie hinter einer Wand. Ist da nicht der Gott, zu dem Jesus gebetet hat: Vater, in deinen Hände befehle ich meinen Geist? Hat Jesus in der Stunde seines Todes nicht etwas geahnt von dem neuen Gott, zu dem er gegangen ist?
Ist da nicht jemand, der für uns da ist, im Verborgenen? Der uns mit Ästen und Reisig und ein wenig Moos eine Hütte baut? Ist da nicht Heimat im Nichts? Ist da nicht Sinn? Ist Gott nicht in den Herzen? Als ich mir plötzlich gewiss war? Als ich ihn spürte? Als er mir nahe war und ich ahnte, dass er da ist, irgendwie da ist. Gibt es das, jene Ahnung? Und kann mir diese Ahnung nicht zur Gewissheit werden?
In dem Brennen der Herzen hat sich da nicht Gott gezeigt. „Brannte nicht unser Herz?“, so fragten die Jünger, als der Auferstandene von ihnen
gewichen war. „Brannte nicht unser Herz?“, so fragen wir uns immer und immer wieder. Nach einem Konzert in der Kirche, in dem mein Herz
angerührt wurde. Nach einem Gottesdienst, als ich spürte: Hier ist mehr als nur etwas Begeisterung.
„Brannte nicht unser Herz“, so fragen wir uns, wenn wir bewegt und ergriffen sind. Wir wissen ganz genau, dass in diesem Augenblick etwas mit uns geschehen ist, dass uns etwas ergriffen hat, dass plötzlich so etwas wie eine Begegnung stattgefunden hat, uns etwas angerührt hat. Warum sollte das weniger sein als zu früheren Zeiten.
Und ob dies einen konkreten Vorstellungsgehalt hat oder nicht – das spielt keine Rolle. In der Regel wird es eher keinen konkreten Gehalt haben, sich nicht in eine sinnliche Vorstellung kleiden. Man wird nicht sagen: So sieht Gott aus oder so. Er ist auch kein Opferbild wie das goldene Kalb. Um ihn kann man nicht tanzen. Ihm kann man keine Gaben opfern. Es findet in meiner Privatsphäre statt. Tief in meinem Inneren, da ist Platz für
diesen Gott. Man könnte auch sagen: Gott-Shelter in der Intimsphäre. Es ergreift mich beim Hören von Musik, in einem Konzert, beim Lesen eines Buches. Und plötzlich weiß ich ganz genau: „Jetzt hat es, jetzt hat er mich ergriffen!“ „Jetzt ist etwas mit mir geschehen.“
Religion haben heißt Antennen für das Andere haben. Ein Sensorium für Jenseitiges. Das ist kein Jenseitsgedusel, das ist der gefasste Realismus,der ahnt oder sich dessen gewiss ist oder fühlt: Da ist anderes als ich mir mit meinen sechs Sinnen so zurechtlegen kann. Da ist mehr, als ich so wahrnehme und sehe und höre und und was weiß ich alles. Da ist etwas, was mich erfüllt, was mir Sinn gibt, was mich gewiss werden lässt. Das brennende Herz, als Bild dafür, dass da etwas ist, das da jemand ist, der mich anrührt. Zu Recht sprechen wir vom „kalten“ und „harten Herzen“. Der Pharao, der die Israeliten nicht ziehen lassen wollte, der hatte ein „kaltes Herz“. Und was hat es ihm gebracht? Er ist in sein Verderben gerannt. Das dankbare Herz, das ist ein Herz, das brennt. Dankbarkeit und nicht wissen, wem gegenüber ich dankbar bin. Der Dank bezieht sich auf den Schöpfer aller Dinge, auf den, der es gut werden lässt. Auf den, der mich erfüllt, der mir die Luft zum Atmen gibt. Der, dem ich dank sage für alles, was mir geschenkt ist. Und ein „reines Herz“ und ein beständiger Geist, ist ein Herz, das für Gott
brennt. Das ist das Herz, in dem Gott ist, in dem Gott wohnt. „Das, woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, hat Martin Luther einmal gesagt. Und wie heißt es im Buch Samuelis (1. Sam. 16,7): Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.
„Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh. Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir; treib all Unreinigkeit hinaus, aus deinem Tempel, deinem Haus.“