secret chapel
2021
mit Mirjam Kroker










Grundgedanke und Ausgangspunkt für die Rauminstallation "secret chapel" ist ein "geheimer" beziehungsweise schlecht zugänglicher und unattraktiver Ort im Wald, an dem Judith Egger im März 2021 eine länger angelegte prozessuale Arbeit verwirklichte; versteckt inmitten von Brombeerranken und Gestrüpp, besiedelt von Nacktschnecken, Zecken, Schnaken und Pilzen aller Art. Immer von exakt demselben Standpunkt aus filmte die Künstlerin einen zirka vier Quadratmeter großen Ausschnitt dieses Ortes, der sich im Lauf der Zeit in die "secret chapel“ verwandelte. Um die langsame Veränderung des geheimen Ortes zu zeigen, wurden kurze Filmsequenzen (pro Sequenz ca. 3 Sekunden) als eine Art Film-Stop-Motion-Animation aneinandergereiht und ineinander verwoben. Somit wird neben den physischen Veränderungen des Ortes, des Lichts und der Witterung auch der Klang des Waldes aufgenommen.
Der 33 minütige Film wird in der mehrfach ausgestellten Rauminstallation in eine ca 6 x 3 m Tapetenwand mit dem Foto der "secret chapel" im Wald integriert. Am Boden finden sich Tonpräsenzen, Blätter und Erde.
... überhaupt nimmt das offensichtliche Gestalten selbst einen relativ kleinen Teil der Arbeit ein. Vielmehr ist es ein Beobachten und Mitwachsen mit dem Werden und Wuchern.




Hier geht es weniger darum, den Ort völlig umzugestalten - ja überhaupt nimmt das offensichtliche Gestalten selbst einen relativ kleinen Teil der Arbeit ein. Vielmehr ist es ein Beobachten und Mitwachsen mit dem Werden und Wuchern im Frühling, mit Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, extremen Regengüssen im Sommer, Schimmel, Pilzwachstum und Moosteppichen. Mit kleinen Eingriffen wird eine Art Raum angedeutet, in dem rudimentäre Tonformen aus dem Boden sprießen.
Dabei folgt die Künstlerin eher einem intuitiven Gefühl als einem vorgefassten Plan und vermeidet jede ästhetische Überhöhung. Sie versucht, dem Impuls etwas „schön" zu machen nicht zu folgen, sondern bleibt Zeugin. Bei starkem Regen wäscht der ungebrannte Ton aus, oder wird matschig. Die Formen fallen um oder sinken in sich zusammen. Dann versucht Judith Egger sie möglichst unauffällig zu rekonstruieren – doch das ständige Zerfallen und Wiederaufbauen ist in längeren oder kürzeren Zyklen im Film spürbar.
- doch das ständige Zerfallen und Wiederaufbauen ist in längeren oder kürzeren Zyklen im Film spürbar.
Alle Tonobjekte nennt Egger "Präsenzen". Sie symbolisieren auf der einen Seite die Lebenskraft, das ungebremste Wachstum (ein wiederkehrendes Element in ihrer Arbeit), zugleich stellen sie aber auch das Bewusstsein dar, das mit jedem lebendigen Organismus in diese Welt geboren wird und auch wieder erlischt. Dieser Aspekt ist etwas Neues in Eggers Kunst - lag ihr Fokus bisher rein auf der Dynamik der Lebenskraft (von ihr "Schwellkraft" genannt) interessiert sie jetzt auch das scheinbar passive Präsent-Sein, das "Gewahr-Sein".
Da Judith Eggers Vater kurz nachdem sie mit dem Projekt begonnen hatte, schwer erkrankte und im Laufe von 3 Monaten verstarb, vermischte sich die Arbeit im Wald sehr stark mit diesem schmerzhaften Ereignis, ihrer Zeugenschaft und der Begegnung mit Leben, Sterben und Tod. Die Arbeit hat so ihre eigene Dynamik entwickelt und sich völlig mit dem Leben synchronisiert.


Während des Prozesses wurde die Installation in unterschiedlichen Stadien in Spanien gezeigt (in Kooperation mit der Galeria Aural) - im April in der Galería Aural in Madrid, dann in einer Folgeausstellung im Museo del Arte Contemporáneo, Alicante und im Herbst im Centre del Carmen/Valencia. Die Installation in der Artothek in München stellt den Abschluss dieses einjährigen Prozesses dar. Am Ende der Ausstellung wurde eine Künstlerbox mit Texten von Anabel Roque Rodríquez, einer Originalzeichnung mit Brombeerdornen, fünf Pigment- Fotodrucke und einem Stück Tapete präsentiert.
Zeugenschaft und Begegnung mit Leben, Sterben und Tod.




Ausstellungen
kuratiert von Alix Stadtbäumer
kuratiert von Galería Aural
kuratiert von Begoña Martínez Deltell & Susana Bañuelos