Löcher und andere Fallen
2026

Installation, Fotografie
2026
Eröffnung am 20. Mai um 18:30 Uhr
Gemäldegalerie Dachau
Ausstellung mit Oliver Westerbarkey
Künstlergespräch am 11. Juni 2026 mit Frau Dr. Jutta Mannes, Oliver Westerbarkey und Judith Egger
Ausstellungsansicht, Innen und Installation "Horst" auf der Dachterasse, 2026

Judith Egger und Oliver Westerbarkey setzen sich in ihrer Kunst auf spielerische Weise mit den unzähligen Erscheinungsformen der Natur auseinander. In ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung widmen sie sich dem unter der Erde Verborgenen. Judith Egger geht in Skulpturen, Zeichnungen, Fotoinstallationen und Videos der Frage nach, was das ständige Werden und Vergehen in der Natur antreibt. Oliver Westerbarkeys großformatige, aus Naturmaterialien zusammengesetzte Dioramen täuschen Natürlichkeit glaubhaft echt vor und stellen so die Frage nach der Grenze zwischen Natur und Kunst. Die Ausstellung lädt ein, sich mit unserer Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Nicht alles, was wir sehen, ist auch wahr und harmlose Löcher können auch Fallen sein, in die man unvermutet hineintappt.

(...)

Nun war so viel von Löchern und Fallen die Rede, dass Sie sich nicht mehr fragen, warum die Ausstellung diesen merkwürdigen Titel trägt. Ein Loch ist also nicht unbedingt als Fehlstelle zu verstehen, als Nichts, sondern als Öffnung, die den Blick auf etwas dahinter Befindliches freigibt. Es muss keine Falle sein. Aber Fallen müssen ja auch nicht echt sein, es gibt sie auch im übertragenen Sinn. In jedem Fall empfiehlt es sich immer genau hinzusehen.

Zitat aus der Einführung in die Ausstellung „Löcher und andere Fallen…“ von Frau Dr. Jutta Mannes
Plakat zur Ausstellung, Collage aus dem Motiv "Auflösung" von Judith Egger und der Arbeit "sinkhole" von Oliver Westerbarkey
Ausstellungsansicht mit Wurmhotel (links) und der Arbeit "Wildfalle Hard Edge" von Oliver Westerbarkey, 2026

Judith Eggers künstlerische Position bewegt sich im Grenzbereich von Kunst und Biologie. In ihrem Elternhaus mit wissenschaftlichen Denkweisen vertraut geworden, gründete sie 2004 das „Institut für Hybristik und empirische Schwellkörperforschung“, ein Labor für künstlerische Forschungsprojekte. Dort geht sie seither der Frage nach, was das ständige Werden und Vergehen in der Natur antreibt. In ihren Versuchsanordnungen begibt sie sich auf den Posten der Beobachterin, die unerkannt in die Sphäre des zu erforschenden Gegenstands eindringt. In ihren Performances setzt sie sich immer wieder Situationen aus, in denen sie intensive, auch körperliche Naturerfahrungen macht. Im Fokus ihrer Kunst steht die alles antreibende Lebenskraft, die jedem Organismus innewohnt, die der Mensch – ganz gleich welcher wissenschaftlichen Methoden er sich bedient – weder vollständig ergründen noch kontrollieren kann. Ihre Arbeiten, deren Spektrum von Performance über Video und Fotografie bis hin zu Keramik, Objekten, Zeichnungen und Installationen reicht, wollen diese Kraft anschaulich machen.

Begleittext zur Ausstellung von Dr. Jutta Mannes

Auflösung“, 2011 (siehe Titelbild), zeigt die Künstlerin mit Moos getarnt im Wald. Ihrem Wunsch entsprechend, in der Natur aufzugehen, verschmilzt sie optisch fast vollständig mit der Umgebung. Im „Wurmhotel“, 2023, einer von ihr zeitweise in der Erde vergrabenen Keramikskulptur, deren Form an einfache organische Wesen denken lässt, überwacht eine Infrarotkamera die lichtscheuen Würmer und andere Kleinstlebewesen, die sich im Inneren auf halten.
Mit „secret chapel“, 2022, verfolgt sie die Veränderung eines Ortes im Wald, an dem sie kleine Formen aus verschiedenfarbigem Ton arrangiert hat, über ein Jahr mit der Filmkamera. Im Wechsel der Witterung, Tages- und Jahreszeiten dokumentiert sie einen ca. vier Quadratmeter großen Ort und dessen Besiedlung mit Nacktschnecken, Zecken, Schnaken und Pilzen aller Art. Den Ton formt sie regelmäßig neu, um ihn dann wieder den Kräften der Natur zu überlassen. Dabei bleibt sie weitestgehend Zeugin und Beobachterin; ihre Rolle als gestaltende Künstlerin rückt in den Hintergrund.
Auf der Terrasse der Gemäldegalerie, einer wetterbeständigen, nüchternen Stahl konstruktion, installiert die Künstlerin einen „Horst“. Der Titel bezeichnet sowohl eine Wuchsform von Pflanzen als auch das Nest eines größeren Vogels. Hier ist es ein Ort der scheinbar ungeordneten Wildnis, ein Refugium aus Zweigen und Gräsern inmitten der Zivilisation, in dem ein unbekanntes, wildes Wesen über den Sommer Unterschlupf finden könnte.

Begleittext zur Ausstellung von Dr. Jutta Mannes, Teil 2

Ausstellungen

2026
Gemäldegalerie
kuratiert von Frau Dr. Jutta Mannes
Installation, Fotografie
Dachau
21.05 bis 16.08.2026

Texte

2026
Einführung in die Ausstellung „Löcher und andere Fallen…“

Frau Dr. Jutta Mannes

Titel
Einführung in die Ausstellung „Löcher und andere Fallen…“
Art
Text
Autor:innen

Frau Dr. Jutta Mannes

Erschienen
20-05-2026

Einführung in die Ausstellung „Löcher und andere Fallen…“
am 20.5.2026, 18.30 Uhr

Ich freue mich heute diese Ausstellung mit zwei so spannenden künstlerischen Positionen eröffnen zu dürfen, die sich aufgrund ihres Naturbezugs so gut miteinander vertragen und doch so verschieden ausgerichtet sind. 


Hier dazu ein paar Erläuterungen:
Zunächst zu Judith Egger, 
die als Initialzündung zu ihrer Kunst die Gründung des „Instituts für Hybristik und empirische Schwellkörperforschung“ im Jahr 2004 bezeichnet. Diese Begriffe brauchen Sie jetzt nicht nachzuschlagen, denn natürlich handelt es sich hier nicht um etablierte akademische Disziplinen, sondern eine künstlerische Forschungseinrichtung. Als Tochter eines Professors für Meteorologie ist sie von früh an mit wissenschaftlichen Fragestellungen vertraut und so bewegt sich ihr Ansatz im Grenzbereich zwischen bildender Kunst und Wissenschaft, insbesondere der Biologie. Ihr Fokus ist die Frage nach der alles antreibenden Lebenskraft, die jedem Organismus innewohnt und die der Mensch in letzter Konsequenz bis heute nicht vollständig kontrollieren kann. Sie nimmt das unkontrollierte Wachsen und Vermehren in den Blick, aber auch den Verfall, der im Kreislauf der Natur eingeschlossen ist, bevorzugt am Beispiel von Kleinstlebewesen wie Insekten oder Würmern.
Ihre künstlerischen Versuchsanordnungen in sehr unterschiedlichen Arbeiten, haben zum Ziel, diese Urenergie anschaulich zu machen. Sie wollen sichtbarer Beleg für diese Kraft sein, die ja nicht zu ergründen ist. 
Da jede Forschung mit der Beobachtung beginnt, finden wir die Künstlerin häufig in der Rolle der Beobachterin, nicht selten in der der heimlichen, die unerkannt in die Sphäre des zu untersuchenden Gegenstands eindringt. 
So zum Beispiel in der durch ein Foto dokumentierten Auflösung, bei der sie mit Moos getarnt im Wald steht und sich farblich kaum vom Hintergrund abhebt. 
Auch das Wurmhotel, ein Keramikobjekt mit zahlreichen Öffnungen, dessen Form an einfache organische Wesen erinnert, ist eine Stätte der Observation. Es war seit 2022 mehrfach an verschiedenen Orten in der Erde vergraben und diente der Beobachtung der für uns normalerweise unsichtbaren, da unter der Erde lebenden Tiere. Eine Infrarotkamera filmte die Würmer und Kleinstlebewesen, die sich darin aufhielten. Die Aufzeichnung sehen sie im Video neben dem Hotel.
Ein auf ein ganzes Jahr angelegtes Forschungsprojekt von Judith Egger ist secret chapel, aus dem fünf Aufnahmen ausgestellt sind. Hier verfolgte sie mit der Kamera die Veränderung eines etwa vier Quadratmeter großen Ortes im Wald, an dem sie zuvor kleine Formen aus verschiedenfarbigem Ton aufgestellt hatte. Im Wechsel der Wetterverhältnisse sowie der Tages- und Jahreszeiten dokumentierte sie dessen Besiedlung mit Schnecken, Pilzen und Insekten aller Art. Ab und zu formte sie den Ton neu, um ihn dann wieder den Kräften der Natur zu überlassen. Die Künstlerin bleibt dabei vorwiegend Zeugin und Beobachterin. Ihre Rolle als Gestaltende rückt in den Hintergrund. 
Neben der Beobachtung wichtig ist für sie auch die eigene, intensive Erfahrung der sie umgebenden Natur. Das zeigen vor allem ihre performativen Arbeiten, in denen sie sich Situationen aussetzt, die keineswegs immer angenehm sind: Anstrengung, Kälte oder auch Ameisen in der Kleidung werden hingenommen um mit der Natur in Berührung zu kommen. 
Eine höchst unbequeme Haltung dokumentieren die drei Aufnahmen von Grüne Erde, einer Performance, die die Künstlerin 2008 in Italien zeigte und später im Atelier noch einmal nachstellte. Hier taucht eine Brust der Künstlerin aus einem Erdhügel an die Oberfläche wie ein wundersamer Pilz. Ein sehr eindrückliches Bild für die nährende Mutter Erde, die zukünftiges Leben ermöglicht, und auch die von ihr so bezeichnete „Schwellkraft“, die sie in ihren Kunstinstitut erforscht.
Immer wieder sucht sie die Erfahrung unter der Erdoberfläche zu sein, das führt uns zum Thema Höhle, das in ihrem Werk mehrfach auftaucht. 
Im Video Höhle verbindet sie Aufnahmen von einer echten, von ihr gegrabenen und einer von ihr konstruierten künstlichen Höhle. 
Auch für diese Ausstellung hat sie eine Art Höhle gebaut: die Arbeit mit dem Titel Horst auf der Terrasse. Dort hat sie, anknüpfend an die Reste einer Kletterpflanze auf der nüchternen Stahlkonstruktion mit Zweigen, Efeuranken und Schilf ein Zwischending aus Nest, Kobel und Höhle installiert. Der Unterschlupf streckt sich zum Dachgitter hinauf und lässt von der Seite gesehen an ein Tier denken. Ein Rest von Wildnis inmitten der Zivilisation. Wir dürfen gespannt sein, wer sich hier über den Sommer einnistet.

Nun aber zu Oliver Westerbarkey, 
der sich seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit mit dem Thema Landschaft beschäftigt. Seit 2014 baut er aus Naturmaterialien großformatige - wie er sie nennt - Landschaftsdioramen. Als Dioramen bezeichnete man ursprünglich möglichst ‚lebensechte‘ Darstellungen der Natur, die in den ersten Naturkundemuseen als Hintergrund dienten, ähnlich wie Westerbarkeys Arbeiten dies versuchen. Dafür sammelt er Erde, Steine, Äste und Blätter, die er nach Größe, Form und Farbe sortiert und anschließend trocknet oder konserviert. Nach fotografischen Vorlagen setzt er sein Material in einer ausgeklügelten, von ihm perfektionierten Technik zu großformatigen Landschaftsdarstellungen zusammen. Diese werden zuletzt mit Farben retuschiert, was ihnen nicht nur wieder etwas lebensechte Frische verleiht, sondern auch für den räumlichen Eindruck sorgt. 
Die Dioramen sind bildhafte Objekte, Collagen, zugleich Skulptur und Malerei. Sie lassen sich keiner der klassischen Kunstgattungen eindeutig zuordnen, sondern verbinden sie miteinander. 
Gleichermaßen mehrdeutig und spielerisch ist sein Umgang mit den Begriffen Natur und Kunst, wird doch organisches Material als totes mit Farbe wieder aufgefrischt, um lebendig auszusehen. Das Ausgangsmaterial ist echt, nicht aber die Darstellung. Denn was von Weitem wie konkrete Natur aussieht, erweist sich aus der Nähe als Kunst, die Natürlichkeit glaubhaft vortäuscht.
Je näher man den Dioramen kommt, desto mehr wird man in die künstlichen Szenarien hineingezogen, denn sie bringen uns die kleinen einzelnen Bestandteile der Natur, die wir für nebensächlich halten, plötzlich ganz nah. Dabei handelt es sich nicht einmal um besonders schöne, idyllische, unberührte Natur, sondern stets um vom Menschen gestaltete Orte, die dann sich selbst überlassen wurden. Völlig unspektakuläre Plätze, die uns vielleicht gerade deshalb so vertraut erscheinen.
Die Auffahrt beispielsweise zeigt Fahrwege, einen Laubhaufen und Hecken. Nichts Besonders, das könnte überall sein. Für diese Ausstellung hat der Künstler die ursprünglich vierteilige Arbeit um ein fünftes Panel erweitert, sodass der Laubhaufen nun vollständig ist, und der untere Weg links um die Ecke führt. Die räumlichen Verhältnisse bleiben für die Betrachtenden aber unklar, denn eine sichere Perspektive wird nicht geboten. 
Obwohl so großflächig, zeigt diese Arbeit doch nur einen Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang. Spätestens am Bildrand endet die Illusion, die Augenfalle, in die der Künstler uns einen Moment lang lockte. 
Was wie augmented reality erscheint, als eine Erweiterung der Natur, ist tatsächlich aber eine analoge Darstellung; künstlich, aber real in einer physischen Welt. Im Zeitalter der KI-generierten Bilder, in dem die Grenzen zwischen Original und Kopie, zwischen Vorbild und Abbild immer mehr verschwimmen, darf man das durchaus noch einmal klarstellen.
Neben den großen Dioramen, die als sozusagen gebaute Augenfallen mit der Illusion der Natur spielen, gibt es von Oliver Westerbarkey eine Reihe von weiteren Arbeiten, in denen Löcher und Fallen auch zum Thema beziehungsweise zum zentralen Bildmotiv werden. 
Zum Beispiel bei Sinkhole, Erdloch, einer Arbeit, die aus vier Bildtafeln besteht und auf dem fahrbaren Stativ zu sehen ist. 
Bei der Wildfalle Hard Edge ist es ein geometrisches schwarz-rosa Muster, das unseren Blick einfängt und festhält. Hier nahm der Künstler Anleihen bei der Op-Art, einer Kunstrichtung der 1950er und 1960er Jahre, die mit optischen Täuschungen spielte. 
Der Rabbit Hole Carpet ist ein großer Teppich mit einer Falle in der Mitte. Farbige Blätter und Äste wiederholen das Teppichmuster und sorgen so für die perfekte Tarnung des Lochs, das in den Kaninchenbau führt. Hier denken sie sicher an die Geschichte von Alice im Wunderland, die einem weißen Kaninchen in seinen Bau folgend weit hinunterfiel, um tief unter der Erde eine Reihe von Abenteuern zu erleben.

Nun war so viel von Löchern und Fallen die Rede, dass sie sich nicht mehr fragen, warum die Ausstellung diesen merkwürdigen Titel trägt. Ein Loch ist also nicht unbedingt als Fehlstelle zu verstehen, als Nichts, sondern als Öffnung, die den Blick auf etwas dahinter Befindliches freigibt. Es muss keine Falle sein. Aber Fallen müssen ja auch nicht echt sein, es gibt sie auch im übertragenen Sinn. In jedem Fall empfiehlt es sich immer genau hinzusehen. 
Und vielleicht inspiriert sie diese Ausstellung ja zu ein paar Gedanken über unser Verhältnis zur Natur, die uns Menschen nicht braucht, wir aber sie.

Bevor sie nun in die nebenan aufgestellten Augenfallen tappen und das dürfen sie ganz unbesorgt tun, möchte ich mich noch bedanken
bei ihnen beiden, Judith Egger und Oliver Westerbarkey, für die angenehme Zusammenarbeit, und beim für die Besucher der Ausstellung unsichtbaren, für das Gelingen einer Ausstellung aber entscheidenden gesamten Team der Dachauer Museen.